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(pd) Chorverbände der Region Basel fordern in einem offenen Brief an die Gesundheitsdirektoren und Kantonsärzte Gleichstellung mit anderen Vereinsaktivitäten in Kultur, Bildung und Freizeit zu Pandemiezeiten. Nachfolgend der Brief im Wortlaut:

"Wie gross war das Aufatmen im letzten Sommer, als die Chöre unserer Region für wenige Wochen
zu einem „neu-normalen“ Modus Vivendi finden konnten – mit grösster Sensibilität und Flexibilität
angesichts der andauernden Pandemie. Es bestand Hoffnung, dass die Chorszene mit strengen und
wissenschaftlich geprüften Schutzkonzepten als Vorzeigebeispiel vorangehen könnte, um Kultur
auch zu COVID-19-Zeiten zu ermöglichen. Stattdessen wurde an den Chören auf Bundesebene ein
komplett entgegengesetztes Exempel statuiert, das seinesgleichen im internationalen Vergleich
sucht.

Nachhaltige Schädigung der vielfältigen Chorszene
Seit dem vergangenen 29. Oktober, also bald 100 Tagen, befindet sich das gesamte Schweizer
Chorleben in einem regelrechten Koma – und es ist nicht absehbar, wann es daraus erwachen wird.
Das Chorsingen wurde mit eigenem Verbotsartikel in der Verordnung explizit ausgeklammert und
auf fragwürdige Art blossgestellt. Der Chor-Lockdown ist verglichen mit allen anderen Branchen der
längste und macht Chöre und Vokalensembles schweizweit zu einem einzigen gewaltigen Härtefall.
Finanzielle Verluste belasten die Laienvereine und ihre ohnehin wirtschaftlich fragile Grundlage (z.B.
Arbeitsplätze von Chorleitenden). Vor allem aber droht eine massive Rufschädigung des
Chorsingens mit verheerenden Konsequenzen für die Nachwuchsbildung auf Jahrzehnte hinaus.
Mit grosser Besorgnis nehmen wir daher die aktuellen Umstände zur Kenntnis. Sie schaffen
einerseits generelle Ungewissheit für eine auf langfristige Planung ausgerichtete Branche – und
etablieren andererseits eine völlig unverhältnismässige Ungleichbehandlung des Chorsingens. Die
bisherige Hinhaltetaktik wird unsere vielfältige regionale Chorlandschaft nachhaltig beschädigen,
die regionalen Chorverbände als fachkundige Branchenvertreter müssen deshalb jetzt in den Dialog
über Lockerungsszenarien einbezogen werden.

Chorsingen mit Schutzkonzepten möglich
Chöre und Vokalensembles konnten letztes Jahr auf ein nachweislich bestens funktionierendes
Schutzkonzept zurückgreifen, das die nationale IG CHorama unter Federführung der Basler
Vertretungen VChN und EJCF erarbeitet hatte. Schutzrelevante Aspekte aus wissenschaftlichen
Untersuchungen sind darin berücksichtigt. Es haben seit letztem Juni Konzerte stattgefunden, z.T.
mit bis zu 1000 Zuhörenden im neu eröffneten Stadtcasino – und es konnte keine einzige Infektion
auf eine schutzkonzeptkonforme Chorveranstaltung zurückgeführt werden. Eine Stichprobe des
Kantonsärztlichen Dienstes BL beim Gym Chor Muttenz ergab null positive Testfälle. Das
Schutzkonzept wurde als griffig und sicher befunden, viele Chöre haben es unverändert
übernommen und erfolgreich angewandt.

Unsere Chorszene ist in ihrer Form die älteste weltweit. Der Schweizer Volksgesang hat eine über
250-jährige Tradition und gilt als Musterbeispiel kultureller Teilhabe. Wie keine andere Kultursparte
sind Chöre ein Spiegelbild basisdemokratischen Dialogs und gesellschaftlichen Zusammenlebens.
Die Region Basel bietet dazu einen besonderen Nährboden für ein Musikleben, das eine breite
musikalische Bildung in allen Bevölkerungsschichten ermöglicht und regelmässig internationale
Aushängeschilder hervorbringt. Umso grösser ist unser Unverständnis, warum gerade hier für die
Chorszene derart wenig politisches Gehör zu finden ist, z.B. im Vergleich zum Sport: Konzerte haben
den gleichen Stellenwert beim Singen wie Wettkämpfe und Meisterschaften. Wie Sportvereine sind
Chöre identitätsstiftende Lebensschulen, Stätten der Sozialisierung und Persönlichkeitsbildung.

Gleichstellung statt Diskriminierung
Die Kultur- und v.a. auch die Chorszene darf bei Lockerungen nicht erneut diskriminiert werden. Es
braucht jetzt rasch transparente Kommunikation und eine Perspektive, in welche fachkompetente
Szenevertreter*innen zur Ausarbeitung verträglicher Exit-Strategien eingebunden werden. Deshalb
fordern wir gleiche Behandlung für die Chorszene wie für alle anderen Branchen:
1. Gleichstellung mit allen anderen Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren. Kinder- und Jugendchöre unter 16 Jahren dürfen auch ausserhalb der Volksschule wieder zusammen proben, sobald Sportvereine unter gleichen Voraussetzungen wieder trainieren dürfen. Die Schutzmassnahmen sind in geordneten Chorproben mit Abstand mindestens so gut, wenn nicht besser, durchsetzbar wie in Sporttrainings mit rennenden, schwitzenden und schreienden Kindern.
2. Gleichstellung mit allen anderen Personen über 16 Jahren. Chorproben für Erwachsene (Kinder und Jugendliche eingeschlossen) dürfen wieder stattfinden, sobald Vereine, Restaurants und Läden wieder geöffnet werden. Die Aerosolbelastung ist vergleichbar und in geordneten Chorproben mit Schutzmassnahmen wesentlich besser kontrollierbar als etwa in Gastro- und Einzelhandelsbetrieben mit verwirbelnden Luftströmungen.
3. Gleichstellung mit anderen Kultur- und Musikveranstaltungen. Alle Chöre und Vokalensembles im Laienbereich dürfen wieder konzertant mit Publikum auftreten, sobald professionelle Kultur- und Musikschaffende dies wieder dürfen. Ausserdem sind Choraktivitäten als Veranstaltungen mit Schutzkonzept klar abzugrenzen von der individuellen An- und Heimfahrt der Chormitglieder (Mobilität von Privatpersonen, wie es sie überall gibt). Letzteres darf nicht als massgebliches Argument für ein Chorverbot gelten; das Infektionsrisiko ist angesichts der vglsw. kleinen Personenanzahl bei Chorveranstaltungen gut kontrollierbar.

Die Chorverbände informieren sich laufend über Infektionsrisiken in den Chorbetrieben und sind
bereit zur Kooperation mit Politik und Wissenschaft bei der Ausarbeitung von Exit-Strategien. Wir
möchten das landesweit anerkannte Engagement der von Baslern geleiteten Schlüsselgremien GDK
und VKS unterstützen. Auch wir wollen dazu beitragen, die Region Basel als Vorzeigebeispiel
präsentieren zu können: Nicht nur in der Bekämpfung der Pandemie, sondern auch in der
Ermöglichung eines schutzkonzeptkonformen Kultur-, Musik- und Chorlebens.
Wir nehmen Bundesrätin Simonetta Sommaruga beim Wort: Die Frage ist nicht, ob man in einem
Chor singen darf, sondern wie. Bitte nehmen Sie unsere Anliegen ernst und schaffen Sie einen
Rahmen, in dem wir dieses „Wie“ gemeinsam erörtern können."

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